„Als wenn du auf einer Bombe sitzt“ – Bürgermeister kündigt Ratskeller – Freie Wähler üben schwere Kritik

Entsetzen in Hettstedt. Grund: Der Ratskeller soll schließen, weil dort eine Entlüftungsanlage für die Küche fehlt.

Diesen Mangel hatte Anfang des Jahres die Gesundheitsbehörde des Landkreises festgestellt. Sie verlangte eine entsprechende Nachrüstung durch die Stadt Hettstedt, den Vermieter des Ratskellers.

Mit Blick auf die Haushaltssituation der Stadt entschied Bürgermeister Dirk Fuhlert (FBM), dem Mieter des Ratskellers zu kündigen. Sein Gedankengang: Ohne Ratskeller keine Küche und ohne Küche kein Be- und Entlüftungsbedarf. Das spart Hettstedt viel Geld.

Die Geschäftsführerin des Ratskellers, Ines Machatschek, versicherte, dass sie und ihr Lebenspartner, Stefan Leißring, den Ratskeller gern die nächsten Jahre weiterbetrieben hätten. Seit 2014 hatten sie einer immer größer werdenden Gästeschar beweisen können, mit welcher Leidenschaft und Hingabe sie den Ratskeller führen. Sie selbst fühlten sich bestätigt und angenommen, also investierten sie jeden freien Euro in das Restaurant. Selbst die Gestaltung der Wände passten sie erstmals seit Jahrzehnten wieder der Tradition Hettstedts als Stadt des Bergbaus und der Verhüttung an.

Anfang Januar komplett neue Einrichtung

Am 14. Januar 2020 investierten Machatschek und Leißring noch einmal kräftig. Sie statteten den gesamten Ratskeller mit neuem Mobiliar aus. Ermutigt zu diesem Schritt hatte sie 2019 die automatische Verlängerung ihres Mietvertrages um weitere fünf Jahre. Das machte sie bis 2024 unkündbar. Eigentlich. Aber in Hettstedt ticken die Uhren offenbar anders.

Ende Januar Kündigung

Genau zehn Tage nach Einbau des neuen Inventars, am 24. Januar 2020, schickte der Bürgermeister die Kündigung, „fristgerecht“ zum Februar 2022. Im Grunde ein Unding, zumal der Mietvertrag des Ratskellerbetreibers bis 2024 nicht anfechtbar ist.

Statt einer hilfreichen Idee kam die Kündigung des Mietvertrages aus dem Erker. Dort sitzt Bürgermeister Fuhlert. Foto: J. Miche

Für Machatschek und Leißring brach eine Welt zusammen. Aber auch für ihr Personal, auf das Arbeitslosigkeit warten würde. Die Betreiber des Ratskellers litten still. Sie arbeiteten bis zum Beginn der Corona-Krise weiter wie bisher, begannen aber bereits mit der Suche nach einem neuen Objekt. Sie hatten keine andere Wahl, denn die Kündigung durch die Stadt Hettstedt war unmissverständlich. Hier war man offensichtlich nicht bereit, die Küche des Ratskellers so weit zu ertüchtigen, dass gute Arbeitsbedingungen für das Personal entstehen und künftige TÜV-Kontrollen reibungslos ablaufen würden. Und selbst wenn sie es tun würde, wäre das Damoklesschwert unverhältnismäßiger Mieterhöhungen, die Bürgermeister Fuhlert schon einmal im vergangenen Jahr durchzusetzen versucht hatte, nicht vom Tisch. Hinzu kam die Gefahr, dass die momentan geltende Ausnahmegenehmigung kurzfristig gestrichen und dem Ratskeller einfach mal Gas, Wasser und Licht abgeklemmt werden könnte.

Falsche Reihenfolge

Stefan Leißring beschreibt die Situation des Ratskellerteams seit der Kündigung so: „Es ist, als wenn du auf einer Bombe sitzt. Du weißt, sie muss nicht hochgehen, kann es aber jeden Moment.“ Leißring kritisiert die Stadtverwaltung neben anderem dafür, dass der Bürgermeister erst die Kündigung geschickt und erst Tage später „Diskussionsbereitschaft“ signalisiert habe. Leißring: „Das ist nun wirklich die falsche Reihenfolge. Ich spreche doch erst mal mit den Menschen und schicke ihnen erst, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt, die Kündigung. Hier ist das scheinbar nicht bekannt.“

„Schande für Hettstedt“

Ein TV-Beitrag des Regionalfernsehsenders PUNKTum brachte Licht in die „Schande von Hettstedt“, wie der Landtagsabgeordnete Jens Diederichs und Kreisvorsitzende Mansfeld-Südharz der Partei Freie Wähler die Kündigung des Ratskellers nennt. Diederichs: „In dieser strukturschwachen Region ein so gut laufendes Unternehmen wie den Ratskeller zu schließen, ist an Verantwortungslosigkeit, an Instinktlosigkeit und Phantasielosigkeit kaum zu überbieten. Wenn Familie Machatschek/Leißring vertrieben wird, ist das touristisch gesehen eine Katastrophe. Wir werden als Freie Wähler definitiv für den Verbleib des Ratskellers kämpfen, und zwar zunächst mit Unterschriftenaktionen und einer Demo.“

Die Ursache für die heutige Situation der Ratskellerküche liegt allerdings weit zurück. Schon bei der großen Renovierung des Ratskellers 1992 wurde keine Entlüftung eingebaut. Interessant wäre zu erfahren, für welche konkreten Maßnahmen die baubeauftragte Witosa damals bezahlt wurde. Das dürfte allerdings schwierig werden, weil inzwischen alle Aufzeichnungen dazu vernichtet worden sein sollen.

Erinnerung an Butzenscheiben

Einigen Menschen sind die Baumaßnahmen und das Aussehen des Ratskellers von damals in Erinnerung geblieben. Beeindruckend waren vor allem die wunderbaren mundgeblasenen Butzenscheiben an allen Fenstern des Ratskellers. Im Auftrag der Witosa mussten diese damals als „nicht zeitgemäß“ entfernt und durch erschreckend nüchterne, andere sagen, hässliche Fenster ersetzt werden. Die in einem sehr aufwändigen Verfahren in Handarbeit hergestellten Bleiglasfenster wurden daraufhin 1992 äußerst vorsichtig ausgebaut, stoßgesichert verpackt und „zwecks Vernichtung“ abtransportiert. Das mit der Vernichtung hat allerdings nicht ganz geklappt; die heute mehrere zehntausend Euro teuren Fenster (Ebay) wurden später bei einem hochrangigen Baubeteiligten in einem anderen Bundesland wiederentdeckt. Ob sie ein Geschenk, Diebesgut oder auch nur eine Überlassung zwecks „Vernichtung“ waren, für die die Stadt Hettstedt seinerzeit vielleicht sogar noch Geld bezahlt hat, weiß niemand. Und die Bauunterlagen aus jener Zeit können nicht befragt werden, da sie ja als verschwunden gelten. Mit anderen Worten: Das Verhältnis zwischen Rathaus und Ratskeller war in Hettstedt schon immer etwas besonders.

Jochen Miche (msh-online.de) für Hettstedt Live

Titelfoto: Jochen Miche

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