Büroleiter nahm Tarricone Mass

So antwortete Büroleiter Miche auf den Bürgermeister-Fragenkatalog der FDP

 

Wie wir bereits berichteten, wollte die FDP um Frau Tarricone anhand eines Fragenkatalogs entscheiden, welche Wahlempfehlung sie für die Bürgermeisterwahl am 28.10.2018 für ihre Anhänger geben.

Das Ergebnis ist inzwischen bereits bekannt und nach den vielen Gerüchten im Vorfeld nicht verwunderlich für viele. Die FDP sprach sich für Herrn Fuhlert aus.

Zwei der Kandidaten erteilten Tarricone eine klare Absage auf die Fragen und uns liegt jetzt eine dieser Absagen vor.

Der Büroleiter von Bürgermeisterkandidat Diederichs (parteilos) hat sich Luft gemacht und klar und deutlich begründet, warum man auf die Beantwortung verzichtet hat.


„Sehr geehrte Frau Tarricone,

bitte wundern Sie sich nicht, dass eine Antwort auf Ihren Fragenkatalog nicht von Herrn MdL Diederichs selbst, sondern von mir, seinem Büroleiter, kommt. Herr Diederichs hat mir – im Vertrauen auf meinen gesunden Menschenverstand – alle Freiheit eingeräumt, Ihnen auf Ihre E-Mail zu antworten.

Zunächst aber möchte ich Herrn Jens Diederichs selbst zu Wort kommen lassen. Er findet die Idee, Bürgermeisterkandidaten zu speziellen Problemen zu befragen, durchaus gut. Aus der Summe der Antworten kann möglicherweise viel Interessantes und Machbares zur Entwicklung einer Kommune erwachsen. Die Frage ist allerdings, inwieweit eine nahezu in der Bedeutungslosigkeit versunkene Partei bereit und in der Lage ist, dieses Wissen der Allgemeinheit als Handlungshilfe zur Verfügung zu stellen. Der Ideenreichtum könnte ja durchaus der Wiederbelebung des eigenen, in Agonie versunkenen Parteikörpers dienen. Wie fatal, wenn dann die besten Ideen zum Wiedererstarken gar von der politischen Konkurrenz kommen… (Dies hat mir Herr Diederichs so natürlich nicht buchstabengetreu gesagt; ich habe hier nur meine eigene Interpretation seiner Worte zusammengefasst und möchte betonen, dass Herr Diederichs weit davon entfernt ist zu glauben, dass die FDP des Mansfelder Landes neuerdings auf fremde Ideen als Impulsgeber für ihre eigene Entwicklung angewiesen ist.)

Herr Diederichs hat mir mitgeteilt, er habe sich nach langer Überlegung dafür entschieden, Ihnen den bereits ausgefüllten Fragenkatalog nicht zurückzuschicken. Allerdings könnten Sie, erklärte er mir, gern für Ihre Arbeit aus dem Interview schöpfen, das er am Freitag der „Mansfelder Zeitung“ (MZ) gegeben hat und das am Montag, dem 15. Oktober 2018, dortselbst veröffentlicht werden soll.

Ich erlaube mir, zu dieser FDP-Fragenkatalogaktion meine persönliche Meinung beizusteuern. Auf den ersten Blick löblich, entpuppt sich mir diese Aktion bei näherem Hinsehen jedoch als eine gewisse Anmaßung und als Versuch, den Eindruck großer personeller wie ideeller Potenz zu erwecken. Ich verstehe diesen Fragenkatalog so: „Wer uns gefällt, dem wollen auch wir gefallen; sobald er uns aber nicht mehr gefällt, lassen wir ihn fallen – und er wird fallen!“ Woher ich diese Behauptung nehme? Aus der Geschichte der FDP als Königsmacher und Königsmörder. 1980 plakatierte die FDP noch „Schmidt/Genscher gegen CSU und CDU“, im Oktober 1982 jedoch lieferte sie Helmut Schmidt, den wohl klügsten und weitsichtigsten Bundeskanzler, den diese Republik je gesehen hat, ans Messer. Kohl, Genscher und Konsorten triumphierten, nur CSU-Chef Franz Josef Strauß fragte angesichts solch offenkundiger Fahnenflucht der FDP, „ob die parteibiologische Lebenszeit der FDP weitergeht oder ob sie nicht weitergeht“.

Hierzulande scheint die parteibiologische Lebenszeit der FDP schon längst abgelaufen. In welchem Dorf-, Stadt-, Landkreis- oder Landesparlament ist sie denn noch vertreten? Mit Verlaub: Wollen Sie mit Ihrem Lockangebot einer eventuellen Unterstützung der Kandidatur des Herrn Diederichs den Eindruck vermitteln, dass Ihr Kreisverband diesen Landtagsabgeordneten wirklich unterstützen würde bzw. wollte? Ich erinnere Sie an gar nicht so alte FDP-Statements, die eine Zusammenarbeit mit der AfD vollkommen ausschlossen (wobei: Welchen Halbzeitwert FDP-Aussagen haben können, sehen wir wieder – weil wir einmal das Beispiel hatten -, wenn wir auf 1980 zurückblicken. Damals waren die Liberalen klar mit einer Koalitionsaussage zugunsten der SPD angetreten; zwei Jahre später kungelten sie bereits erfolgreich mit den Schwarzen.).

Ich möchte hiermit nur meinem Verdacht Ausdruck verleihen, dass Sie und Ihre Parteifreunde Herrn Diederichs, den früheren AfD-Kreisvorsitzenden und seit mehr als einem Jahr parteilosen Abgeordneten, selbst wenn er die klarsten und weitreichendsten Antworten auf Ihre Fragen geben würde, doch ums Verrecken nicht unterstützen würden in seinem Kampf um den Einzug ins Rathaus. Es ist mir nicht entgangen, dass nicht nur Sie, sehr geehrte Frau Tarricone, seit dem Tag im Jahr 2016, als bekannt wurde, dass ich für einen AfD-Abgeordneten arbeite, einen Bogen um mich und Herrn Diederichs machen (ganz nebenbei und vollkommen wertfrei: konsequent auch um mein Geschäft in Hettstedt), sondern dieselbe Distanz zu mir und Herrn Diederichs selbst dann weiterhin hielten, seit bekannt wurde, dass er aus der Partei AfD und die gleichnamige Fraktion im Landtag ausgetreten war. Die Tatsache, dass er den Mut gehabt hat, 2017 dieser Partei den Rücken zu kehren und sich öffentlich scharf gegen die rechten Tendenzen in der AfD zu artikulieren, hat interessanterweise keinen einzigen Politiker anderer Parteien im Mansfelder Land bewogen, selbst einmal (auch ohne Bezugnahme auf Herrn Diederichs!) öffentlich die Stimme gegen „rechts“ zu erheben. Farbe bekennen ist im einst Roten Mansfeld offenbar immer noch unschicklich; hier wird, wie einst, lieber auf Personen, statt auf Ideologien eingedroschen.

Zurück zur FDP. Angesichts der Sympathiewerte, welche sie in der Region genießt, weiß ich nicht einmal, ob deren Unterstützung einem Bürgermeisterkandidaten überhaupt nützt oder nicht eher schadet. Und was heißt schließlich „Unterstützung“? Ist diese parteibiologisch nahezu ausgestorbene Gruppierung überhaupt in der Lage, irgendwelche Hilfe zu leisten? Sie war ja nicht einmal in der Lage, einen eigenen Bürgermeisterkandidaten in Hettstedt aufzustellen. Nichts Konkretes also gemäß dem Motto: Bloß nicht aus der Deckung wagen, der Moment kommt, in dem man das Zünglein an der Waage spielen und sich medienwirksam als Macher präsentieren kann!

Kurz: Ich begrüße die Entscheidung des Herrn Diederichs, sich nicht auf Ihren Fragenkatalog einzulassen.

Verstehen Sie, sehr geehrte Frau Tarricone, diesen Brief bzw. diese E-Mail bitte als meine ganz persönliche Betrachtung zu dem Fragenkatalog bzw. dem diesbezüglichen Beitrag auf der ersten MZ-Lokalseite am gestrigen Freitag.

Mit freundlichen Grüßen

J. Miche

Hettstedt, den 13.10.2018″


Nach der Entscheidung, wagte der Kandidat Fuhlert auf seiner Facebookseite einen Vorstoss, der in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wurde.

„Für mich bildet sich da die logische Schlussfolgerung: Man macht sich also die Arbeit nur, wenn persönlicher Nutzen entsteht, nicht um eigene Ideen und Ziele zu erläutern.“ (Quelle: Facebook)

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