Wenn das Homeschooling an seine Grenzen kommt – Landeselternrat Sachsen-Anhalt macht die Probleme öffentlich

Besondere Zeiten, fordern besonderes Handeln und auch Eigeninitiative. Aber es wird auch deutlich, wo die Probleme liegen, in einem Land, was gelinde gesagt, im digitalen Mittelalter fest hängt. Wo technische Voraussetzungen beim Homeschooling schlichtweg nicht vorhanden sind.

Heute veröffentlichte der Landeselternrat Sachsen-Anhalt auf seiner Facebookseite eine Zusammenfassung, die die gesamte Misere deutlich macht.

Originalbeitrag:

Wir haben eine Anfrage, eine Bitte und eine persönliche Einschätzung eines Elternteils erhalten, die wir gern, jedoch anonymisiert, auf unserer Seite zur Diskussion stellen möchten. Wie sehen es andere Eltern und Lehrer*innen? Gibt es Vorschläge und Erfahrungen? Bitte beteiligt Euch recht zahlreich an dem Austausch, damit wir ein Gesamtbild der Situation im Land haben. Vermerkt bitte, wenn möglich, die Schulart und den Kreis bzw. die Stadt, für die bessere Zuordnung.

Lieber Landeselternrat Sachsen-Anhalt, bitte setzt euch ein!

Ja, die jetzige Situation ist für alle neu, wir müssen uns umstellen, Alternativen finden, flexibel sein. Trotzdem ist der Druck, der zum Teil auf die Schüler ausgeübt wird, enorm.

Die Schüler sind einfach nicht in der Lage, durch reines Selbststudium den Stoff in derselben Zeit abzuarbeiten, wie im Unterricht. Eltern können die Übernahme der „Lehrer-Funktion“ nicht leisten. Oftmals inhaltlich nicht, aber auch nicht von der Zeit her. Sie sind im Homeoffice oder systemrelevant.

Manche Schüler schmeißen jetzt den Haushalt oder betreuen die Geschwister, weil die Eltern arbeiten sind. Viele Schüler haben gar nicht die technischen Voraussetzungen, um alle Aufgaben zu bearbeiten. Oftmals besitzen sie nur ein Smartphone mit begrenztem Datenvolumen, PC, Laptop sind selten, Drucker häufig nicht vorhanden. Familien mit mehreren schulpflichtigen Kindern müssen sich die Geräte teilen. Teilweise werden Facharbeiten aufgegeben oder Lehrer verlangen von Schülern, die darauf aufmerksam machen, dass sie keinen Drucker hätten, sie sollen zur Drogerie ABC (Name geändert) gehen und es dort ausdrucken – es wäre ja schließlich keine Ausgangssperre. Aufgabenstellungen sind unklar „Macht einen Kurzvortrag, schreibt einen Aufsatz“ – vom Umfang oder erwarteten Inhalten ist nicht die Rede. Manche Lehrer erstellen ein Erklärvideo nach dem anderen – tolle Sache eigentlich, aber es gibt eben Kinder, die darauf keinen Zugriff haben, diese werden von vornherein ausgeschlossen.

Auf dieser Grundlage werden ständig Noten angedroht, Tests, die direkt nach der Schulschließung geschrieben werden sollen, Arbeiten, die abgegeben werden müssen, etc.

Was ist mit den Eltern, die hier mit einem Minenfeld konfrontiert werden, welches eigentlich gar nicht ihre Baustelle ist? Die Situation ist so schon nervenaufreibend genug – jetzt ist zusätzliches Konfliktpotential da, weil ständig an Aufgaben erinnert und Stoff vermittelt werden muss. Das alles auf engem Raum. Familien, die schon vorher belastet war, kommen noch mehr an ihre Grenzen.
Ich fühle mich momentan absolut überfordert und ich bin sicherlich damit nicht allein.
Na klar sollen die Schüler etwas tun und weiter im Stoff kommen – keine Frage. Aber Art und Umsetzung muss noch einmal überdacht werden. Ein reines Selbststudium in dem Umfang ist nicht möglich. Und ich spreche aus der guten Lage heraus, dass meine Söhne einen PC und Internet haben (Recherche, Nutzung von ggf. Lernplattformen etc.) und dass ich trotz allem versuche, dran zu bleiben, so motivieren und zu kontrollieren.

Natürlich wird es auch die Schüler geben, die momentan gar nichts tun, weil sie „Ferien“ haben.
Aber es gibt eben auch die Schüler, die wollen, aber nur im begrenzten Maße in der Lage sind, es umzusetzen. Weil ihnen Möglichkeiten, Struktur und Unterstützung fehlen…. oder weil sie die momentane Situation einfach nur belastet (nicht wirklich raus zu dürfen, vielleicht sogar im Rahmen einer belastenden Familiensituation, Angst um sich selbst und um die Familie zu haben, Angst davor, den Abschluss / die Versetzung nicht zu schaffen …).

Es ist nur eine Bitte darum, sich einzusetzen, den gefühlten Druck, der scheinbar gerade von allen Seiten auf Familien einwirkt, etwas abzulassen. Vielleicht auch eine Bitte an die unterrichtenden Lehrer, Aufgaben und Aufgabenvolumen noch einmal zu prüfen, Fristen zu lockern und eventuell auch Nachsicht mit Schülern zu haben, bei denen zwischen den ganzen Aufgabenblättern unter mehreren Links doch einmal etwas übersehen wurde.

Achja… ich bin übrigens auch Lehrer*in und betreue seit 3 Wochen meine Schüler aus der Ferne. Ich stehe im ständigen Austausch, gebe Rückmeldung, versuche, den Stoff auf wesentliche Inhalte zu beschränken. Wiederhole, übe – in kleinen Häppchen, danach kommen Lösungen. Sicherlich auch an vielen Stellen improvisiert.

Unsere Schulleitung hat beizeiten gesagt – max. 50% des regulären Unterrichtsstoffes, auf das konzentrieren, was die Schüler wirklich haben: Stift, Block, Lehrbuch. Und selbst das ist teilweise zu viel. Eben weil manche Schüler zu Hause ein Umfeld haben, welches selbständiges Lernen erschwert oder unmöglich macht oder weil sie gerade ganz andere Probleme haben.

Vielen Dank für Ihr Verständnis und für die Zeit, das alles zu lesen.

Landeselternrat Sachsen-Anhalt bei Facebook und im Web.

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